Argentinien bei der WM 2026 — Titelverteidiger in Gruppe J

Ladevorgang...
18. Dezember 2022, Lusail, Katar — Lionel Messi hebt den goldenen Pokal über seinen Kopf, und 88 000 Menschen im Stadion verlieren den Verstand. Dreieinhalb Jahre später stellt sich die Frage, die den Weltfussball beschäftigt: Kann Argentinien diesen Moment konservieren? Kann der Titelverteidiger in einem radikal neuen Turnierformat mit 48 Teams und 104 Spielen bestehen — möglicherweise ohne den Spieler, der diesen Titel erst möglich gemacht hat? Argentinien bei der WM 2026 ist mehr als eine Mannschaft. Es ist ein Projekt, das zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebt, zwischen dem Erbe Messis und der Zukunft von Fernández und Álvarez. Die Albiceleste reist als amtierender Weltmeister in die USA, nach Mexiko und Kanada, mit einem Kader, der tiefer besetzt ist als 2022, mit einem Trainer, der nichts mehr beweisen muss, und mit einer Frage, die alles überlagert: Spielt Messi? Gruppe J mit Österreich, Algerien und Jordanien wirkt für den Favoriten lösbar — aber Titelverteidigungen haben ihre eigenen Gesetze. Seit 1962 hat kein Team den WM-Titel erfolgreich verteidigt. Brasilien scheiterte 2006 im Viertelfinale, Deutschland 2018 in der Gruppenphase, Frankreich 2022 im Finale nach Elfmeterschiessen. Die Geschichte steht gegen Argentinien — die Qualität des Kaders und die taktische Reife unter Scaloni sprechen dagegen.
Qualifikation über die CONMEBOL
Wer denkt, dass die südamerikanische WM-Qualifikation ein Spaziergang für den Weltmeister ist, hat noch nie die „Eliminatorias“ verfolgt. Zehn Teams, jeder spielt gegen jeden — 18 Spiele in zweieinhalb Jahren, auf Meereshöhe in Buenos Aires und auf 3 600 Metern in La Paz, bei 35 Grad in Barranquilla und im Dauerregen von Quito. Es gibt keine leichten Gegner, keine Schonzeit, keine Gnade. Die CONMEBOL-Qualifikation ist der härteste Weg zur WM — und Argentinien hat ihn souverän gemeistert, auch wenn es nicht immer schön aussah.
Mit 39 Punkten aus 18 Spielen — elf Siege, sechs Unentschieden, eine Niederlage — beendete die Albiceleste die Qualifikation auf Platz eins. Die einzige Niederlage kam im Oktober 2024 gegen Kolumbien in Barranquilla, bei 35 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit — Bedingungen, die selbst den besten Kadern zusetzen. In den Heimspielen war Argentinien makellos: Neun Spiele, neun Siege, 24:4 Tore. Das Estadio Monumental in Buenos Aires bleibt eine Festung, die kein Gegner einnehmen konnte. Die Auswärtsbilanz war erwartungsgemäss schwieriger: Zwei Siege, sechs Unentschieden und die eine Niederlage zeigen, dass selbst der Weltmeister in Südamerika auswärts nicht nach Belieben gewinnen kann. Die Unentschieden in Montevideo gegen Uruguay, in Santiago gegen Chile und in Asunción gegen Paraguay sind keine Schwäche, sondern Normalität in der brutalsten Qualifikation der Welt.
Die Torproduktion war beeindruckend und breit verteilt: Lautaro Martínez führte mit acht Treffern, gefolgt von Julián Álvarez mit sechs und Enzo Fernández mit vier. Messi steuerte in seinen Einsätzen drei Tore bei, spielte aber nicht alle 18 Partien — seine Belastungssteuerung war bereits in der Qualifikation ein zentrales Thema. Scaloni schonte den Kapitän in den vermeintlich leichteren Spielen, setzte ihn aber in den Schlüsselpartien gegen Brasilien und Uruguay ein. Die Expected-Goals-Bilanz von +12,4 zeigt, dass Argentiniens Ergebnisse keine Zufallsprodukte waren, sondern auf struktureller Überlegenheit basierten. In der Defensive kassierte Scalonis Mannschaft nur 14 Gegentore in 18 Spielen — 0,78 pro Partie, der zweitbeste Wert der CONMEBOL hinter Uruguay. Emiliano Martínez im Tor war einmal mehr der Rückhalt, der grosse Leistungen in grossen Spielen lieferte.
Kader und Schlüsselspieler
Wenn ich mir argentinische Kader der letzten 20 Jahre anschaue, sehe ich ein Muster: überwältigende Offensive, fragile Defensive, Abhängigkeit von einem einzelnen Genie. Der Kader für die WM 2026 bricht dieses Muster auf eine Art, die den argentinischen Fussball nachhaltig verändern könnte. Argentinien hat zum ersten Mal seit der Ära Maradona eine Mannschaft, die in jedem Mannschaftsteil Weltklasse bietet — und die nicht von einem einzelnen Spieler abhängig ist. Auch wenn dieser Spieler Lionel Messi heisst. Emiliano Martínez im Tor gehört zu den drei besten Torhütern der Welt. Romero und Lisandro Martínez bilden eine Innenverteidigung, die in der Premier League gestählt wurde. Enzo Fernández, Mac Allister und De Paul formen ein Mittelfeld, das Ballbesitz und Intensität vereint. Und in der Offensive garantieren Lautaro Martínez und Álvarez Tore aus dem Spiel heraus — etwas, das Argentinien in der Messi-Ära oft gefehlt hat.
| Spieler | Position | Verein | Länderspiele | Alter |
|---|---|---|---|---|
| Emiliano Martínez | Tor | Aston Villa | 55 | 33 |
| Cristian Romero | Innenverteidigung | Tottenham | 30 | 28 |
| Lisandro Martínez | Innenverteidigung | Manchester United | 25 | 28 |
| Enzo Fernández | Zentrales Mittelfeld | Chelsea | 35 | 25 |
| Rodrigo De Paul | Mittelfeld | Atlético Madrid | 60 | 32 |
| Alexis Mac Allister | Mittelfeld | Liverpool | 30 | 27 |
| Lautaro Martínez | Stürmer | Inter Mailand | 60 | 28 |
| Julián Álvarez | Stürmer | Atlético Madrid | 40 | 26 |
| Nicolás González | Flügel | Juventus | 38 | 28 |
| Lionel Messi | Rechtsaussen / freie Rolle | Inter Miami | 187 | 38 |
Lionel Messi — dabei oder nicht?
Die grösste Frage dieser WM hat nichts mit Taktik zu tun und alles mit einem 38-jährigen Mann aus Rosario. Lionel Messi — 187 Länderspiele, 109 Tore, acht Ballons d’Or, ein WM-Titel — steht vor der Entscheidung, ob er seinem Körper ein letztes grosses Turnier zumutet. Die Fakten sprechen eine gemischte Sprache. Bei Inter Miami spielt Messi auf hohem Niveau, aber die MLS ist keine Champions League. Die physische Belastung ist geringer, die Erholungszeiten länger, und sein Körper hat sich an einen Rhythmus gewöhnt, der mit dem Stress eines sechswöchigen WM-Turniers wenig gemein hat. Sein letztes Länderspiel liegt Monate zurück, und Trainer Scaloni hat öffentlich erklärt, dass er Messi nicht zwingen wird — es sei dessen Entscheidung, und nur seine.
Für die Wettmärkte hat Messis Teilnahme erhebliche Auswirkungen. Mit Messi im Kader sinken Argentiniens Quoten auf den Turniersieg um etwa 15 bis 20 Prozent — von ungefähr 5.50 auf 4.50. Das ist kein sentimentaler Aufschlag, sondern eine rationale Bewertung: Messi ist auch mit 38 Jahren ein Spieler, der Verteidigungen liest wie kein anderer, der den finalen Pass spielt, den sonst niemand sieht, und der in Entscheidungsspielen eine Aura mitbringt, die Gegner verunsichert. Jeder Innenverteidiger, der gegen Messi spielt, weiss: Ein Moment der Unaufmerksamkeit reicht. Diese psychologische Wirkung ist in keiner Statistik messbar, aber sie ist real.
Gleichzeitig birgt seine Teilnahme Risiken: physische Belastung über möglicherweise sieben Spiele in 30 Tagen, Verletzungsanfälligkeit bei einem 38-Jährigen, und die Frage, wie Scaloni ihn in ein System integriert, das ohne ihn bereits hervorragend funktioniert. Ein Messi, der nur 60 Minuten durchhält, ist in der Gruppenphase verkraftbar — aber in einem K.-o.-Spiel, das in die Verlängerung geht, wird er zum Risikofaktor. Meine Einschätzung: Messi wird im Kader stehen, aber nicht in der Startelf der Gruppenspiele beginnen. Seine Rolle wird die des Einwechselspielers sein, der in den entscheidenden 30 Minuten eines Spiels den Unterschied macht — so wie er es bei der Copa América 2024 bereits praktiziert hat. Ab dem Viertelfinale, wenn jedes Spiel ein Endspiel ist, dürfte Scaloni auf Messi von Beginn an setzen.
Scalonis taktische Flexibilität
Lionel Scaloni ist der Trainer, der niemals hätte Nationaltrainer werden sollen — und der jetzt der erfolgreichste argentinische Coach seit Carlos Bilardo ist. Als er 2018 als Interimslösung übernahm, nachdem Jorge Sampaoli nach dem WM-Debakel in Russland entlassen worden war, galt er als Lückenbüsser ohne Erfahrung auf höchstem Niveau. Fünf Jahre und drei Titel später — WM 2022, Copa América 2021, Copa América 2024 — ist er der Mann, der Argentiniens Fussball-DNA neu definiert hat. Die Statistik unter Scaloni liest sich beeindruckend: über 70 Prozent Siegquote in mehr als 80 Länderspielen, die längste Ungeschlagen-Serie der Fussballgeschichte mit 36 Spielen zwischen 2019 und 2022, und eine Defensive, die pro Spiel weniger als ein Gegentor kassiert.
Scalonis taktische Grundlage ist ein 4-3-3, das sich im Ballbesitz zu einem asymmetrischen 3-4-3 verschiebt. Der rechte Aussenverteidiger — meist Nahuel Molina — schiebt ins Mittelfeld, während der linke Verteidiger die Breite hält. Enzo Fernández agiert als tiefliegender Spielmacher, der den Rhythmus des Spiels kontrolliert, Mac Allister als Verbindungsspieler zwischen Mittelfeld und Angriff, und De Paul übernimmt die Absicherung und das Pressing im zentralen Bereich. In der Offensive ist Lautaro Martínez der Zielspieler, flankiert von Álvarez und González — oder Messi, falls er spielt. Bei der WM 2022 in Katar hat Scaloni gezeigt, wie flexibel er innerhalb eines Turniers agieren kann: Gegen Saudi-Arabien im ersten Spiel noch mit einer hohen Abwehrlinie, die ausgehebelt wurde, stellte er gegen Mexiko und Polen auf ein tieferes Pressing um und gewann beide Spiele. Im Finale gegen Frankreich wechselte er dreimal die Formation — 4-3-3 in der ersten Halbzeit, 4-4-2 nach dem Ausgleich, 3-5-2 in der Verlängerung.
Was Scaloni von anderen Toptrainern unterscheidet: seine emotionale Intelligenz. Er managt nicht nur Taktik, sondern Egos, Erwartungen und den enormen Druck, den eine Fussballnation wie Argentinien auf ihre Mannschaft ausübt. In einem Land, in dem ein verlorenes Länderspiel Titelseiten produziert und ein Trainer nach zwei Niederlagen in Folge um seinen Job bangen muss, hat Scaloni eine Ruhe geschaffen, die in der argentinischen Fussballgeschichte beispiellos ist. Bei der WM 2022 hat er bewiesen, dass er ein Team nach einem Schock — der 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien im ersten Spiel, als ganz Argentinien den Atem anhielt — wieder aufrichten kann. Vier Tage später besiegte seine Mannschaft Mexiko 2:0, und von da an war der Weg zum Titel geebnet. Diese Fähigkeit, eine Mannschaft nach Rückschlägen zu stabilisieren, ist in einem sechswöchigen Turnier mit 48 Teams, Reisestress und Zeitverschiebung unbezahlbar. Kein taktisches System der Welt hilft, wenn die Mannschaft mental bricht. Scaloni stellt sicher, dass das nicht passiert — durch Gespräche, durch Vertrauen, durch die richtige Balance zwischen Anspannung und Lockerheit.
Gruppe J — Algerien, Österreich, Jordanien
Drei Gruppenspiele, drei unterschiedliche Herausforderungen — und für Argentinien trotzdem eine klare Marschroute. Gruppe J hat einen Favoriten, und dieser Favorit heisst Argentinien. Die Wettquoten auf den Gruppensieg liegen bei 1.35, was zeigt, dass der Markt kaum Zweifel hat. In einer Gruppe mit dem 23.-platzierten Österreich, dem 35.-platzierten Algerien und dem 68.-platzierten Jordanien ist der Qualitätsvorsprung der Albiceleste evident. Dennoch wäre es fahrlässig, die Gegner zu ignorieren — gerade ein Weltmeister steht unter besonderer Beobachtung, und jede Niederlage wird zur Schlagzeile.
Österreich unter Ralf Rangnick ist der gefährlichste Gruppengegner — und gleichzeitig der interessanteste aus taktischer Sicht. Das Pressing-System der Österreicher wurde entwickelt, um ballbesitzstarke Mannschaften zu destabilisieren — genau das, was Argentinien ist. Rangnicks Team gewann bei der EM 2024 die Gruppe vor Frankreich und den Niederlanden, was zeigt, dass das Pressing gegen absolute Topnationen funktioniert. Das Spiel am 21. Juni im AT&T Stadium in Dallas wird zum taktischen Schachspiel: Scalonis Ballbesitz gegen Rangnicks Gegenpressing. In der Geschichte der Weltmeisterschaften haben sich Argentinien und Österreich dreimal getroffen, zuletzt 1978 in Buenos Aires — ein 6:0 für die Albiceleste. Doch das ist 48 Jahre her, und Rangnicks Österreich hat nichts mit jener Mannschaft gemein. Spieler wie Sabitzer, Laimer und Baumgartner bringen die Intensität mit, die Argentiniens Aufbauspiel aus dem Rhythmus bringen kann. Ich erwarte ein enges Spiel — möglicherweise das engste der gesamten Gruppenphase für Argentinien — mit einem knappen Sieg der Albiceleste durch einen Moment individueller Klasse, wie ihn nur Teams mit dieser Offensivqualität produzieren können.
Algerien bringt die Intensität eines afrikanischen Spitzenteams mit, das in den letzten Jahren auf kontinentaler Ebene konstant stark performt hat. Die algerische Mannschaft spielt einen schnellen, physischen Fussball, der besonders in den ersten 60 Minuten gefährlich sein kann — hohe Laufbereitschaft, aggressive Zweikämpfe, schnelle Konter über die Flügel. Danach lässt die Intensität erfahrungsgemäss nach, und Argentiniens Kadertiefe macht den Unterschied. Scaloni wird seine Bank nutzen, um frische Spieler zu bringen, während Algerien in der Schlussphase an Kraft verliert. Jordanien als WM-Debütant wird das Auftaktspiel bestreiten und dort die Realität einer Weltmeisterschaft kennenlernen. Die jordanische Mannschaft hat bei der Asienmeisterschaft 2024 das Finale erreicht und damit eine bemerkenswerte Entwicklung gezeigt, doch der Qualitätsunterschied zwischen dem asiatischen Vizemeister und dem Weltmeister ist enorm. Hier erwarte ich einen klaren Sieg Argentiniens mit mindestens drei Toren Differenz — ein Resultat, das die Tordifferenz poliert und psychologisch den Ton für die restliche Gruppenphase setzt.
Argentinien bei Weltmeisterschaften — drei Titel, unendliche Dramen
Die argentinische WM-Geschichte liest sich wie ein Roman von Gabriel García Márquez: magischer Realismus, extreme Emotionen, unvergessliche Momente. Drei WM-Titel — 1978 im eigenen Land unter dem Jubel des Estadio Monumental, 1986 in Mexiko mit Maradonas göttlicher Hand und Jahrhunderttor gegen England, 2022 in Katar mit Messis Krönung im epischsten Finale aller Zeiten — bilden das Fundament einer Fussballkultur, die den Sport nicht als Hobby, sondern als Identität versteht. In Buenos Aires gibt es mehr Fussballstadien als in jeder anderen Stadt der Welt. Das sagt alles über die Bedeutung, die dieses Turnier für 45 Millionen Argentinier hat.
Doch die Geschichte erzählt auch von Schmerz. Vier WM-Finals verloren — 1930 gegen Uruguay, 1990 gegen Deutschland, 2014 gegen Deutschland — und eine Durststrecke von 36 Jahren zwischen dem Titel 1986 und dem Triumph 2022. Die WM 2014 in Brasilien bleibt die schmerzhafteste Erinnerung der jüngeren Vergangenheit: Messi führte Argentinien ins Finale, nur um im Maracanã 0:1 nach Verlängerung durch Mario Götzes Tor gegen Deutschland zu verlieren. Acht Jahre später, in Katar, kam die Erlösung — und mit ihr die Frage, ob Argentinien eine Dynastie begründen kann.
Die historische Bilanz der Titelverteidiger spricht dagegen, und sie spricht eine deutliche Sprache. Italien 2010 schied als Titelverteidiger in der Gruppenphase aus — mit einem Punkt aus drei Spielen. Spanien 2014 erlebte dasselbe Desaster: Gruppenaus nach einer 1:5-Demütigung gegen die Niederlande. Deutschland 2018, mein Paradebeispiel für übertriebenes Selbstvertrauen, verlor gegen Südkorea 0:2 und flog als Letzter der Gruppe raus. Frankreich 2022 kam immerhin ins Finale, verlor dort aber im Elfmeterschiessen — ausgerechnet gegen Argentinien. Das Muster ist konsistent und über sechs Jahrzehnte dokumentiert: Die Titelverteidigung ist die schwierigste Aufgabe im Fussball. Die Gründe sind vielfältig — Überheblichkeit, taktische Anpassung der Gegner, physische und mentale Erschöpfung nach einem Titelgewinn, der natürliche Zyklus einer Mannschaft. Argentinien bei der WM 2026 muss gegen dieses Muster ankämpfen, und Scaloni weiss das. In Interviews hat er betont, dass sein Team „hungriger als je zuvor“ sei — ob das mehr als eine Phrase ist, wird sich in den heissen Sommernächten der USA zeigen.
Wettquoten auf Turniersieg und Titelverteidigung
Die Buchmacher behandeln Argentinien bei der WM 2026 als Mitfavoriten, nicht als klaren Nummer-eins-Kandidaten. Die Quoten auf den Turniersieg schwanken zwischen 5.00 und 6.00, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von 16 bis 20 Prozent entspricht. Damit liegt Argentinien in der Regel hinter Frankreich (4.50–5.00) und auf Augenhöhe mit England (5.50–6.50). Diese Einschätzung reflektiert sowohl die Kaderstärke als auch die historische Schwierigkeit einer Titelverteidigung — ein Faktor, den die Buchmacher offensichtlich einpreisen und der die Quote nach oben drückt.
Mein Modell bewertet Argentiniens Titelchance auf 14 Prozent — leicht unter dem Markt. Der Grund liegt in drei spezifischen Risikofaktoren: erstens die Unsicherheit um Messi und die Frage, wie das Team mit oder ohne ihn performt; zweitens die langen Reisewege innerhalb der USA, die bei einem Turnier in drei Ländern und 16 Stadien zur physischen Belastung werden; und drittens die Tatsache, dass der Kader zwar exzellent besetzt ist, aber nicht so dominant wie Frankreichs oder Englands Optionen in der Breite. Die Messi-Variable allein macht zwei bis drei Prozentpunkte Differenz aus — mit ihm steigt die Wahrscheinlichkeit auf 17 Prozent, ohne ihn fällt sie auf 11. Diese Spanne ist grösser als bei jedem anderen Team und macht Argentinien zur volatilsten Aktie im WM-Portfolio.
Für den Gruppenausgang gibt es kaum Spannung: Argentinien als Gruppenerster liegt bei 1.35, das Weiterkommen bei 1.05. Wer hier Value sucht, wird nicht fündig — die Margen sind zu dünn, das Risiko eines Überraschungs-Aus zu gering. Interessanter sind die K.-o.-Runden-Märkte: Argentinien im Halbfinale bei 2.20, im Finale bei 3.00. Bei einer von mir geschätzten Halbfinalwahrscheinlichkeit von 48 Prozent bietet die Quote 2.20 keinen Value — der Markt preist Argentinien hier korrekt ein. Beim Finale sehe ich bei 3.00 und einer geschätzten Wahrscheinlichkeit von 35 Prozent einen marginalen Vorteil, der aber durch die natürliche Turniervarianz schnell aufgezehrt wird. In der Übersicht aller WM 2026 Teams finden sich die Vergleichsquoten der übrigen Mitfavoriten, um eine fundierte Einordnung vorzunehmen.
Der letzte Tanz — oder der erste einer neuen Ära
Argentinien bei der WM 2026 steht an einem Scheideweg, der grösser ist als jedes einzelne Turnier. Wenn Messi spielt, wird jedes Spiel zum potenziellen Abschied — ein emotionaler Faktor, der die Mannschaft beflügeln oder belasten kann. Das Stadion wird bei jedem seiner Ballkontakte den Atem anhalten, die Kameras werden jede seiner Gesten einfangen, und die Welt wird wissen, dass sie dem Ende einer Ära beiwohnt. Wenn er nicht spielt, muss eine Generation beweisen, dass sie auch ohne das grösste Genie des Fussballs Titel gewinnen kann. Lautaro Martínez, Álvarez, Fernández — sie sind keine Lückenfüller, sondern Spieler, die bei den grössten Klubs Europas glänzen. Beides sind faszinierende Narrativen, und als Analyst fasziniert mich die Antwort mehr als die Frage.
Was feststeht: Der Kader hat die Qualität für den Titel. Scaloni hat die taktische Kompetenz und die emotionale Führung, die ein Turnier dieser Dimension erfordert. Die Gruppe ist lösbar, der Turnierbaum wird sich nach der Gruppenphase klären. Ob Argentinien den Titel verteidigt oder ob der Fluch der Titelverteidiger zuschlägt, entscheidet sich in jenen Momenten, die kein Modell vorhersagen kann — einem Elfmeter in der 93. Minute, einer Roten Karte, einem Pfostenschuss. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Argentinien bei der WM 2026 ist kein Team, das man abschreibt. Wer das in den letzten vier Jahren getan hat, lag jedes einzelne Mal falsch.